DSJ-Logo

Deutsche Schachjugend
Nachrichten, Die Schachjugend,
Spielen und Training, Schulschach,
Jugendarbeit, Vereinshilfe, Terminkalender

Chessy

DSJ - Jugendversammlung 2003

am 8. und 9. März in Greifswald

Bericht des Referenten für Öffentlichkeitsarbeit Michael Klein

Bei Schnee und Minusgraden kamen am zweiten Märzwochenende in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern, M-V) die Vorsitzenden der 17 Landesschachjugenden mit dem Vorstand der DSJ zur diesjährigen Jugendversammlung, der Jahreshauptversammlung der Schachjugend, zusammen. Zwar bereitete die Anreise in diesen doch etwas abgelegenen Ort für viele Teilnehmer leichte Probleme, diese nahm man aber gerne auf sich, da die Entscheidung für Greifswald symbolischen Charakter hatte. Noch im vergangenen Jahr musste die Schachjugend M-V um ihr Fortbestehen bangen, wollte doch der Landesverband die Schachjugend abschaffen. Durch energischen Protest der engagierten Jugendleiter vor Ort, der Deutschen Schachjugend und mit Unterstützung des DSB-Präsidenten Schlya gelang es damals unter großen Mühen, dieses Vorhaben abzuwehren. Die Entscheidung für einen Tagungsort in M-V war daher als Zeichen der Unterstützung zu sehen. Da ist es fast schon eine Art Treppenwitz, dass das Thema Eigenständigkeit der Jugendorganisation auch auf dieser Versammlung unvermittelt ins Fadenkreuz gelangte und dort für einigen Aufruhr sorgte.

DSB-Präsident Alfred Schlya war extra nach Greifswald angereist, um vor der Jugendversammlung für einige Positionen des DSB-Präsidiums zu werben, in denen bisher (und auch jetzt noch!) Uneinigkeit zwischen DSB und DSJ bestand. So sprach er u.a. die im DSB derzeit verfolgte Strukturreform an. Im Rahmen dieser Reform werden das bisherige Präsidium und fast sämtliche Kommissionen wegfallen – und damit auch die Sitze der DSJ in diesen Gremien. Im nun mit erheblich erweiterten Machtbefugnissen ausgestatteten Geschäftsführenden Präsidium wird die Jugend dagegen nicht vertreten sein. Wohl aber wird es einen Vizepräsidenten für den Bereich Jugend geben, der aber nicht aus den Reihen der Jugendorganisation kommen soll. Werden diese Vorschläge im Mai auf dem Bundeskongress des DSB tatsächlich umgesetzt, so wird die DSJ also demnächst mit noch leiserer Stimme im DSB zu hören sein! Ob das wirklich, wie Schlya es vermutete, die Eigenständigkeit der Jugendorganisation fördern oder eher die wenigen noch vorhandenen Schnittstellen zwischen DSJ und DSB zerstören und eine konstruktive Rolle der DSJ im Schachbund verhindern wird, wie es viele der Teilnehmer der Versammlung befürchten, wird sich zeigen. Die Schachjugend wird ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten auf jeden Fall nicht kampflos aufgeben. Patrick Wiebe, zweiter Vorsitzender der DSJ, appellierte an alle Landesschachjugenden, in den Präsidien ihrer Erwachsenenverbände für eine weitere Beteiligung der DSJ in den Entscheidungsgremien des Schachbundes zu werben. Nur durch die konstruktive und gleichberechtigte Mitarbeit im Schachbund kann die Schachjugend auf Dauer ihr Profil schärfen und damit die Notwendigkeit ihrer internen Eigenständigkeit aufzeigen.

Bereits im nächsten TOP, dem Bericht des Vorstandes, rückte das Thema Eigenständigkeit wieder in den Mittelpunkt. Die Schachjugenden aus Berlin und Sachsen erhoben massive Einwände gegen die Formulierung im Bericht: „Mit Sorge muss man beobachten, dass in Brandenburg die Schachjugend in ihren Rechten beschnitten wurde, wie dies auch in Sachsen geschah und in Berlin seit Jahren der Fall ist.“ Die Vertreter Berlins und Sachsens betonten, dass es in diesen Ländern zwar keine formal eigenständigen Schachjugenden gebe, eine Einbindung in die Erwachsenenverbände aber gewollt sei und es durch die Ansiedlung des Jugendwartes dort auch in der praktischen Arbeit keinerlei Einschränkungen gebe. Der Vorstand strich daraufhin hervor, dass in keiner Weise die ausgewiesen hervorragende Jugendarbeit in beiden Verbänden schlecht dargestellt werden sollte. Vielmehr stehe die Formulierung im direkten Zusammenhang mit den Ausführungen zu den Bedingungen des Kinder- und Jugendplans (KJP) des Bundes, aus dem die Schachjugend fast die Hälfte ihrer jährlichen Zuschüsse bezieht (der andere Teil kommt größtenteils vom Schachbund). Der politische Wille des Plans, der Sportjugend, der Schachorganisation und letztlich des Gesetzgebers liege aber darin, dass die Jugend sich eigenständig verwaltet, mit den zur Verfügung gestellten Geldern eigenständig verfährt und vom Erwachsenenverband unbeeinflusst Entscheidungen trifft. Daher gibt der Gesetzgeber strenge Regelungen vor, die die formale und damit letztlich auch faktische Eigenständigkeit gewährleisten sollen, da sonst die Fördergelder versagt werden. Zu diesen elementaren Voraussetzungen für die Förderwürdigkeit zählen z.B. unabhängig entscheidende Gremien der Jugendorganisation, eine eigene Kassenführung, sogar mit eigenem Konto, und eine vom Erwachsenenverband unabhängige Kassenprüfung. Die Deutsche Schachjugend nun ist im Grunde nichts anderes als die Institutionalisierung der 17 Landesschachjugenden auf Bundesebene, sie ist ein Bild aus 17 Puzzlestücken. Wenn nun immer mehr Puzzlestücke verloren gehen, wie dies aus Sicht des Gesetzgebers nun mit Brandenburg, Sachsen und Berlin bereits geschehen ist und in M-V nur mit knapper Not verhindert werden konnte, so steht irgendwann die Legitimität und Förderungsfähigkeit der DSJ insgesamt in Frage. Davon wären dann natürlich auch in erheblichem Maße nicht nur die Landesschachjugenden betroffen, sondern auch die Arbeit in den drei nicht eigenständigen Jugendstrukturen, die von den geförderten Projekten ja auch profitieren. Um den Berlinern und Sachsen mit ihrer unbestritten guten Arbeit nicht mit eventuell falsch verstandenen Formulierungen Unrecht zu tun, wurde die entsprechende Passage schließlich in „… beschnitten wurde, und in Sachsen und Berlin die Kriterien des KJP nicht erfüllt werden.“ geändert. Dem ging eine kontroverse, aber interessante und umfangreiche Diskussion voraus. Deutlich wurde dabei, dass die Beibehaltung bzw. Wiedererlangung der institutionellen Eigenständigkeit der Schachjugend auf allen Ebenen ein wesentliches Ziel darstellen muss.

Ansonsten war die Jugendversammlung getragen von einer sehr positiven und konstruktiven Grundstimmung. Von den Schachjugenden erschienen außer Sachsen-Anhalt alle, nur wenige reisten verspätet oder mit nur einem Delegierten an. Im thematischen Teil der Versammlung am Samstagmittag wurden die laufenden und geplanten Projekte für 2003 vorgestellt. Dazu gehörte das 2002 mit der SJ NRW erstmalig durchgeführte Girls-Camp, eine Wochenendveranstaltung nur für Mädchen, das im September in Bayern eine Fortsetzung erleben wird. Ebenfalls Premiere im vergangenen Jahr feierte der Tag des Schachs, die bundesweite Breitensportveranstaltung des DSB. Auch in diesem Jahr wird sich die DSJ in diese hervorragende Aktion, die 2003 unter dem Motto „Duell der Städte“ steht, einbringen und die Veranstaltervereine in den einzelnen Städten nach Möglichkeit unterstützen. Außerdem wurde über die erste offizielle Deutsche Jugendmeisterschaft im Internet berichtet. Dieses neue Angebot, das noch bis Anfang April auf dem Server schach.de im Internet durchgeführt wird, hatte eine sehr große Resonanz und wird im kommenden Jahr fortgesetzt und durch zahlreiche Angebote ergänzt.

Arbeitsschwerpunkt 2003 ist wiederum das Schach mit Kindern, speziell Angebote für Kinder der Altersklasse U8. Auf der letztjährigen Jugendversammlung fiel der Startschuss für diesen Schwerpunkt. Die Schachjugend nahm sich vor, binnen drei Jahren ein ausgefeiltes und an Hand einiger Pilotprojekte erprobtes Konzept zum Umgang mit Kindern im Schach auszuarbeiten. Insbesondere der pädagogische Rahmen mit seinen besonderen Erfordernissen im Umgang mit den ganz jungen Schachspielern steht dabei im Mittelpunkt. Nach der konzeptionellen Vorarbeit fand im Herbst 2002 in Welver ein erstes Schachspielefest speziell für Kinder statt, durch dessen Auswertung wertvolle Erfahrungen gesammelt und Ideen erprobt werden konnten. Ein weiteres Aktionsfeld in diesem Zusammenhang war die Entwicklung von Trainingsinhalten in der Trainerausbildung, die nun Stück für Stück entwickelt und etabliert werden. Auf diesem und einigen weiteren Feldern wird die Arbeit auch in diesem Jahr fortgesetzt und ein fundiertes Gesamtkonzept entwickelt. In einem ersten Stimmungsbild sagten viele Landesschachjugenden ihre Unterstützung für konkrete Projekte zu, so dass auch 2003 Pilotprojekte im Bereich Schach mit Kindern umgesetzt werden können.

Der andere Schwerpunkt in der Arbeit der DSJ in 2003 ist das Schulschach. Bedingt durch den Rücktritt des Schulschachreferenten im vergangenen Sommer musste hier zunächst wieder der Faden aufgenommen werden. Die Teilnehmer waren sich darin einig, dass im Schulschachbereich tiefgreifende Veränderungen notwendig sind, da die Entwicklung hier alles andere als beruhigend ist. Das Schulschach soll vom organisierten Vereinsschach weg und hin zu einer echten Breitensportbewegung reformiert werden. Schulschachmeisterschaften sollen nicht mehr länger als zweiter Quasi-Vereinswettbewerb neben den DVM fungieren. Bisher war es so, dass sich bei den Schulmeisterschaften lediglich Mannschaften durchsetzten, die einen hohen Vereinsspieleranteil hatten. Der Breitensportaspekt ging hier über die Jahre verloren. Allerdings ist die Art der Veränderungen, die diesen allseits gewünschten Zustand erreichen könnten, nicht unumstritten. Während der Vorstand der DSJ und die Mehrheit der an der Diskussion beteiligten Landesschachjugenden eine gravierende Umstellung im Spielbetrieb, speziell die Vergrößerung der Mannschaften mit mehreren Altersklassen in einem Team und damit eine deutliche Verringerung der Wettkampfklassen, derzeit bevorzugte, gab es doch auch warnende Stimmen, die die Folgen solcher Veränderungen für schwer kalkulierbar hielten. Vorteil des Modells ist, dass es vor wenigen Jahren in einer ähnlichen Situation bereits in Frankreich umgesetzt wurde und dort zu großen Erfolgen führte. Das von der Jugendversammlung abgegebene Meinungsbild wird nun zunächst auf dem Schulschach-Workshop im Mai diskutiert und konkretisiert. Zum Arbeitsschwerpunkt ergänzte Kurt Lellinger von der Schulschachstiftung mit einem sehr erfreulichen Überblick über die Aktivitäten der Stiftung. Im vergangenen Jahr sei es hier zu einem spürbaren Ansteigen des Interesses am Schulschach gekommen, bedingt u.a. durch die Einführung vieler Ganztagsschulen und hieraus resultierender Kooperationen. Insbesondere in Rheinland-Pfalz seien hier sehr große Forschritte erzielt worden und das neu entwickelte Schulschachpatent als Fortbildung für Lehrer und Multiplikatoren habe mittlerweile überwältigenden Zuspruch gewonnen. Damit die einmalige Möglichkeit, die sich durch die Ganztagsschulen bietet, nicht ungenutzt verpasst wird, warb Lellinger um die Unterstützung der Landesschachjugenden, die viele von ihnen spontan zusagten.

Erfreulicher Abschluss des thematischen Teils der Versammlung waren vier Ehrungen. Alfred Schlya überreichte dem neuen Schulschachreferenten der DSJ, Christian Goldschmidt, für den Deutschen Schachbund eine Urkunde für seine besonderen Verdienste um das Jugendschach. Die DSJ-Jugendsprecher ehrten den 16-jährigen Jacob Roggon für sein großes Engagement in der Schachjugend Schleswig-Holstein und auf Ebene der DSJ, wo er u.a. das Internetschachangebot mit aufbaute. Für seine langjährigen Verdienste auf allen Ebenen der Schachorganisation und seine stets konstruktiv-kritische Begleitung der Arbeit der DSJ erhielt der Berliner Jugendwart Carsten Schmidt die Silberne Ehrennadel der DSJ. Für sein insgesamt dreißigjähriges (!) ehrenamtliches Engagement im Jugendschach erhielt Michael Juhnke ebenfalls die Silberne Ehrennadel der DSJ. Michael Juhnke, der nach fünfjähriger Amtszeit aus persönlichen Gründen nicht mehr für den ersten Vorsitzenden der DSJ kandidierte, wird der Schachjugend als engagierter und kompromissloser Kämpfer für die Belange der Jugend fehlen.

Der zweite Tag der Jugendversammlung begann mit einer kurzen Einführung in die Deutsche Jugendeinzelmeisterschaft, die 2003 wieder im Hotel Sauerlandstern in Willingen stattfinden wird. Die Bedingungen werden sich gegenüber der ebenfalls hier ausgetragenen DEM 2001 deutlich verbessern, insbesondere die Problematik mit den anderen Besuchergruppen wird in diesem Jahr erheblich entschärft.

Der Tagesordnungspunkt Wahlen ging auch in diesem Jahr ganz ohne Kontroversen über die Bühne. Die Jugendversammlung bestätigte die Vorschläge des Vorstandes mit jeweils großer, wenn nicht sogar einstimmiger Mehrheit. Dem neuen Vorstand gehören nun

an. Da die Vorstandsämter für zwei Jahre gewählt werden, wurde nur eine Hälfte der Posten neu gewählt, die übrigen werden erst im kommenden Jahr wieder neu zu besetzen sein. Weiterhin wählte die Versammlung Frank Spangenberg (Sac) zum Kassenprüfer und Helmut Stadler (Bay) zum stellvertretenden Kassenprüfer. Beauftragter für Leistungssport wurde Simon Martin Claus (Hes), Beauftragter für Wertungszahlen Stefan Herkströter.

Auch der Etatentwurf für den Haushalt 2003 wurde ohne Einwendungen bestätigt.

Bei den Änderungsanträgen zu den Ordnungen gab es eine etwas ausgiebigere Diskussion zum Thema U8. In deren Verlauf lehnte die JV schließlich die Verringerung der Teilnehmerfelder zur DEM in den unteren Altersklassen zu Gunsten der Aufnahme von U8-Spielern ab. Außerdem beschäftigte der Fall des Spielers Peter Lichmann, der seit der DEM 2002 für großen Aufruhr in der Schachjugend sorgte und mit einer Aberkennung des Meistertitels endete, die JV. Auch hierzu lagen verschiedene Anträge vor, die eine Wiederholung eines solchen Falles ausschließen sollen, vor. Die JV war sich einig, dass in der Frage der Spielberechtigung eindeutige Regelungen notwendig sind. So ist ein durchweg positives Resumée zu dieser Jugendversammlung zu ziehen. Die Schachjugend hat die destruktive Phase, die sich Ende der 90er zuspitzte, endgültig überwunden. Gemeinsam ziehen fast alle der Landesschachjugenden und die DSJ an einem Strang, um das Jugendschach in Deutschland weiterzubringen. Einige auf anderen Wegen und mit anderen Ideen, aber der Wille zur Zusammenarbeit ist spürbar. Dass es unterschiedliche Stimmen in der Schachjugend gibt, ist dabei aber kein Hindernis, sondern vielmehr sehr zu begrüßen, ist dies doch der Motor für eine ständige Weiterentwicklung. Sachliche und konstruktive Kritik, wie sie auf dieser Versammlung oftmals geübt wurde, ist schließlich die Garantie dafür, dass die Schachjugend nicht in alten Denkweisen erstarrt, sondern weiter als innovative und eigenständige Kraft im Schachbund wirken kann. Herzlichen Dank abschließend an Guido Springer für die Organisation des Tagungshotels.

Michael Klein, DSJ

* * *

Zum Anfang des Dokumentes
Zurück zu Deutsche Schachjugend

Archiv | Antwort zu häufig gestellten Fragen (FAQs) | Suchfunktion | Impressum
© 1.98 by Gerhard Hund (TeleSchach) für die DSJ in der Deutschen Sportjugend | Update 12.03.2003